Natur als Therapie

„Heute geht es nicht mehr nur darum, die Natur vor dem Menschen zu retten, sondern auch darum, den Menschen durch die Natur zu retten. Zu retten vor seinem Absterben, seinem Wurzelloswerden.“ (Leonhard Jost-Zeller)

Ein Spaziergang mit der Therapeutin, eine Pilgerreise in der Gruppe, eine Nacht allein im Wald - Psychotherapie unter freiem Himmel hat viele Gesichter und will vor allem eines: uns wieder rück-verbinden mit unserer wahren Natur.

Die Sehnsucht des Menschen nach Natur ist alt und dennoch aktueller denn je. Eine wachsende Zahl von Naturerlebnis-Kursen, Waldkindergärten, Outdoor-Produkten oder ökologischer Reisen belegt eindrucksvoll wie sehr wir die direkte Naturerfahrung suchen, die uns im Alltag oft abhanden gekommen ist. Zahlreiche Studien weisen darauf hin, dass der Aufenthalt in der Natur uns mehr bringt als frische Luft und Bewegung. Er ist auf unglaublich vielen Ebenen hilfreich und entfaltet seine Wirkung im Handumdrehen.

Studien belegen positive Effekte

Schon nach fünf Minuten in einer natürlichen Umgebung sind erste gesundheitliche Effekte messbar. Wir erholen und entspannen uns, fühlen uns geistig erfrischt, können uns besser erinnern und konzentrieren und profitieren von einer ganzen Reihe körperlicher Verbesserungen. In einer japanischen Studie mit 280 Teilnehmern schickte man beispielsweise die eine Hälfte der Gruppe für einige Stunden in den Wald und die andere Hälfte in die Stadt. Anschließend wurden beide Gruppen untersucht. Die Waldspaziergänger erfreuten sich im Gegensatz zu den Stadtbesuchern eines auffallend niedrigen Blutdrucks, eines niedrigen Stresshormonspiegels und eines niedrigen Pulses.

Die Heilkräfte der Natur wirken sogar aus der Entfernung: Krankenhaus-Patienten in den USA erholten sich schneller von einer Operation, wenn sie von ihrem Fenster auf Bäume statt auf eine Mauer sehen konnten. Selbst wer nur Fotos von Naturszenen anschaut, kann seinen Stresshormonspiegel um rund 13 Prozent senken, wie Japans führender Wissenschaftler im Bereich der Waldmedizin, Yoshifumi Miyazaki, herausfand. „Wir wurden so geschaffen, dass wir in eine natürliche Umgebung passen“, fasst Miyazaki seine Erkenntnisse zusammen. „Wenn wir uns inmitten der Natur aufhalten, werden unsere Körper wieder zu dem, was sie einmal waren.“ Und das ist noch nicht alles! Weitere Studien weisen auf positive Effekte von Naturerfahrung auf die emotionale Stabilität, das Selbstwertgefühl und die Selbstwahrnehmung hin. Bei Kindern zeigten sich positive Auswirkungen auf die psychosoziale Entwicklung, Kreativität, Konzentration und die Wahrnehmungsfähigkeit. Nicht ohne Grund werden Naturerfahrungen daher vermehrt in der begleitenden Behandlung vieler psychischer Störungen - von AD(H)S bis Zwangsstörungen - eingesetzt.

Woher kommt dieser positive Effekt auf unsere seelisch-geistige Gesundheit? Viele Forscher vermuten, dass der Grund in der menschlichen Evolutionsgeschichte liegt. Wir sind als Homo sapiens sozusagen in der Natur „aufgewachsen“ und fühlen uns immer dann wohl, wenn wir in unserem naturgemäßen Biotop sind. Naturphilosophen und -therapeutinnen vermuten noch tiefere Zusammenhänge: Auch wenn der moderne Mensch sich heute als getrennt von der Natur definiert, so ist er doch mit seinem menschlichen Körper, seiner Seele und seinem Geist ein Werk der Natur; ein Geschöpf, das sich nicht selbst herstellen kann, sondern „geschaffen“ wurde. Die Natur des Menschen ist nichts grundsätzlich Getrenntes von der außermenschlichen Natur, das erfahren wir v.a. in unserer Ähnlichkeit mit anderen Säugetierarten. Demnach endet auch die menschliche Psyche nicht an der Hautoberfläche, sondern ist Teil der lebendigen Welt. Carl Gustav Jung (1875-1961), ein Schüler Sigmund Freuds, drückte es so aus: „ Der ursprünglichere Mensch war und ist sich dessen gewiß: die Entfaltung des menschlichen Lebens ist ein Ausdruck der Entfaltung des Lebens insgesamt, die Natur des Menschen ist ein Ausdruck der Natur alles Lebendigen. Und: Alles Leben ist beseelt, wir Menschen sind nicht etwa beseelte Lebewesen in einer sonst unbeseelten Welt. Das Seelische des Menschen ruht in der Weltseele, der anima mundi - hier hat sie immer ihr Zuhause gehabt: Die Psyche ist nicht in uns, sondern wir sind in der Psyche.“

Insofern hat die Natur in der Naturtherapie keinen rein instrumentellen Charakter. Naturerfahrungen werden nicht verabreicht wie ein Medikament. Damit würden wir die Natur zu einer bloßen Ressource, zu einem Gebrauchsgegenstand, herabwürdigen und den zahlreichen Formen ihrer Ausbeutung nur eine weitere hinzufügen. Stattdessen liegt der naturtherapeutischen Arbeit ein Bild vom Menschen und seinem Platz in der Welt zugrunde, das sich deutlich von der heute üblichen Vorstellung unterscheidet. Der amerikanische Poet und Naturphilosoph Gary Snyder hat es so formuliert: „Die Natur ist nicht ein Ort, den wir besuchen – sie ist unser zu Hause.“ Und nichts braucht der entfremdete Mensch unserer Zeit mehr, als endlich wieder nach Hause zu kommen.

Als ich Hannelore* kennen lerne, ist sie Mitte 50 und hat gerade ihre sichere BeamtenStelle gekündigt. Ihre Familie und Freunde würden über diese Entscheidung den Kopf schütteln, aber sie habe ihre eintönige Arbeit nicht mehr ausgehalten, erzählt sie in der Anfangsrunde. Das Seminar wolle sie dazu nutzen, um sich mit ihrer jetzt aufgetretenen Existenzangst auseinander zu setzen, die sie nachts oft um den Schlaf bringe. Ich habe den Eindruck, dass Hannelore grundsätzlich eine gefestigte Persönlichkeit ist, sich aber jetzt in einem Übergangsprozess befindet und um eine neue Identität ringt. Die Naturerfahrungen, die sie im weiteren Verlauf macht, stecken für sie voller Symbolkraft: ein Zweig mit Knospen, von denen sie hofft, dass sie noch aufgehen werden, ein dunkler, moosiger Wald, in dem sie sich geborgen und beschützt fühlt, und schließlich eine tiefe Schlucht, an deren Rand sie lange verweilt und dem Sog der Tiefe widersteht. Später erzählt sie, dass sie dort dem Tod ins Gesicht geblickt habe, aber der Abgrund sie nicht hinein ziehen konnte. Das habe ihr die Gewissheit gegeben, dass sie stark genug sei, um ihren Lebensweg weiter zu gehen. Am Ende des Seminars klingt Hannelore zuversichtlich: „Tief in mir weiß ich, dass es richtig war, die Stelle zu kündigen. Ich habe keine Angst mehr.“

Frühe „Naturtherapien“

Die positiven Wirkungen, die wohl jeder von uns aus eigener Erfahrung kennt, wurden schon früh zur Gesundheitsförderung genutzt. Vor mehr als zweitausend Jahren legten chinesische Taoisten Gärten und Gewächshäuser zur Gesundheitsförderung an. Im Jahr 1699 empfahl das Buch English Gardener seinen Lesern, sie sollten „freie Zeit im Garten verbringen und umgraben, pflanzen oder jäten; es gibt kein besseres Mittel, die Gesundheit zu erhalten.“ Und vor hundert Jahren stellte der große amerikanische Naturschützer John Muir fest: „Tausende nervenschwache, überzivilisierte Menschen finden allmählich heraus, dass man nach Hause kommt, wenn man in die Berge geht; dass die Wildnis lebensnotwendig ist und dass Naturparks und Schutzgebiete nicht nur zur Holzversorgung und als Wasserreservoirs taugen, sondern als Quell des Lebens.“

Diese vorteilhaften Effekte von Naturaufenthalten für Wohlbefinden und Gesundheit begründen jedoch noch keine Natur(psycho)therapie. Von einer solchen können wir erst sprechen, wenn das In-der-Natursein sowohl praktisch wie theoretisch in einen therapeutischen Bezugsrahmen eingebettet ist. Das heißt vor allem, dass eine Therapeutin beteiligt ist, denn vom Spazierengehen allein verändert sich die Persönlichkeit nicht. Zur Therapie kommen stattdessen Menschen, die die Notwendigkeit erkannt haben, sich selbst und ihr Leben zu verändern, was ihnen aus eigener Kraft jedoch nicht gelingt. Dafür braucht es die „Hebammenkunst“ einer Therapeutin, die ihren Klienten dabei hilft, neue Einsichten und Handlungsalternativen aus sich selbst zu „gebären“. Der erste professionelle Psychotherapeut, der Naturerfahrungen in seinen therapeutischen Ansatz integrierte, war der oben schon erwähnte C.G. Jung. Die von ihm entwickelte „Analytische Psychologie“ setzte zwar größtenteils auf die klassische Therapie im Behandlungszimmer, er empfahl seinen Patienten aber ebenso, sich regelmäßig vom „Alltagsschlamm der Zivilisation“ zu reinigen, um Neurosen den Nährboden zu entziehen: „Wann immer wir mit der Natur in Berührung kommen, werden wir sauber.“ Dabei legte er Wert darauf, dass der Mensch ebenfalls natürlich sei und durch die Erfahrung der äußeren Natur wieder zu seiner inneren Natur zurück finden könne: „Menschen, die durch zu viel Zivilisation schmutzig geworden sind, machen einen Waldspaziergang oder baden im Meer. Sie mögen das auf diese oder jene Weise rationalisieren, aber faktisch werfen sie die Fesseln ab und gestatten der Natur, sie zu berühren. Das kann innerlich oder äußerlich geschehen. Wenn man im Wald spazieren geht, sich ins Gras legt oder ein Bad im Meer nimmt, dann kommt es von außen; wenn man sich in das Unbewusste versenkt oder durch Träume mit sich selbst in Kontakt kommt, dann berührt man die Natur von innen, und das ist dasselbe, die Dinge kommen wieder in Ordnung.“

Martin* lerne ich in einer psychosomatischen Klinik kennen. In seinem Aufnahmebefund steht ein ganzes Bündel von Krankheiten: Depressionen, chronische Erschöpfung, Bandscheibenprobleme und Tinnitus. Obwohl er harte Zeiten hinter sich hat, schildert mir Martin seine Probleme im heiteren Plauderton. Als ich ihn frage, wie er sich fühle, antwortet er: „Es ging mir schon besser“ und lächelt dabei. Im weiteren Verlauf stellt sich heraus, dass Martin beruflich und privat seit Jahren über seine Grenzen gegangen ist. Die Signale seines Körpers hat er entweder gar nicht wahrgenommen oder ignoriert. „Die Maschine muss funktionieren“ sei sein Motto gewesen. Wir einigen uns darauf, an seiner Erlebensfähigkeit zu arbeiten, d.h. am unmittelbaren, leiblichen Dasein und seiner Empfindungs- und Spürfähigkeit. Dazu lade ich Martin ein, die Natur mit allen Sinnen wahrzunehmen. Wir gehen zusammen barfuß über eine saftige Wiese; sitzen mit geschlossenen Augen am Fluss und lauschen dem Plätschern der Wellen; er erkundet die Gerüche von verschiedenen Blättern und Blüten; und er übt sich darin, seinen Körper „von innen“ zu fühlen. Zunächst kommt Martin sich albern vor, wird unruhig und langweilt sich schnell. Aber schon nach einigen Spaziergängen vertieft sich seine Wahrnehmungsfähigkeit. Er beginnt seine Emotionen im Körper zu spüren und dafür Worte zu finden. Er lernt die Grenzen seiner Belastbarkeit wahrzunehmen und einen freundlicheren Umgang mit sich selbst zu pflegen. Am Ende sitzt mir ein Mann gegenüber, der noch nicht über den Berg ist, aber deutlich wahrhaftiger, präsenter und irgendwie „geerdet“ wirkt

Viele Wege – ein Ziel

Der Begriff „Naturtherapie“ ist rechtlich nicht schutzfähig, d.h. jeder kann sich „Naturtherapeut/in“ nennen. So kommt es, dass unter dieser Bezeichnung heute viele Richtungen firmieren, die sich zum Teil stark voneinander unterscheiden. Die bekanntesten im deutschsprachigen Raum sind die existenzialpsychologische Naturtherapie nach Dr. Wernher Sachon, die integrative nach Prof. Hilarion Petzold, die systemische nach Kreszmeier/Hufenus sowie die schamanisch-esoterische nach Holger Kalweit. Berührungspunkte bestehen zur Garten- und zur tiergestützten Therapie, die teilweise auch unter dem Oberbegriff Naturtherapie geführt werden. Ihnen allen gemeinsam ist die Auffassung, dass intensive Naturerfahrungen dazu geeignet sind, die geistig-seelische Gesundheit zu erhalten oder wieder herzustellen. Das theoretische Fundament, und ob überhaupt eines existiert, macht den Unterschied aus. So nutzt jede Therapierichtung den Erlebensraum Natur in spezifischer Weise:

Die existenzialpsychologische Naturtherapie richtet ihren Fokus besonders auf die existenziellen Fragen des Lebens, wie z.B. „Wer bin ich?“, „Was ist der Sinn meines Lebens?“, „Wie will ich leben?“. Sie versteht psychische Störungen als Entwicklungskrisen und möchte daher Menschen in ihrem natürlichen Wachstum unterstützen. Dazu werden die Klientinnen angeleitet, sich selbst bewusst in der Natur zu erleben, z.B. beim freien Umherschlendern, einer Wachnacht im Wald oder beim kreativen Gestalten mit Naturmaterial. Im anschließenden therapeutischen Gespräch verbinden sich die Natur- mit emotional bedeutsamen Beziehungs-Erfahrungen und entfalten erst dadurch ihre heilsame Wirkung.

In der systemischen Naturtherapie wird besonders auf die Einbindung des Menschen in seine sozialen und ökologischen Zusammenhänge geachtet. Die Therapeutin „verschreibt“ dem Klienten einen bestimmten Naturraum (z.B. Meer, Wald, Berge), der für die Unterstützung des Prozesses besonders geeignet erscheint. In der Beschäftigung mit dieser Landschaft, mit szenischem (Theater-)Spiel und systemischer Aufstellungsarbeit gewinnt der Klient allmählich neue Einsichten und eine spirituelle Gewissheit, die seinem Leben Sinn und Erfüllung verleihen.

Die integrative Naturtherapie versteht sich als Oberbegriff für Garten-, Landschafts- und tiergestützte Therapie, deren Methoden sie kombiniert. Im aktiven, gemeinschaftlichen Tun beim Gärtnern, Wandern oder der Waldarbeit sollen die Klienten Freude an sich selbst, am Mitmenschen und an der Natur erleben. Die eigentlichen therapeutischen Maßnahmen sind eingebettet in die gärtnerische und naturerkundende Aktivität, so dass die Therapie „wie beiläufig“ erfolgt. Ihr Ziel ist die Entwicklung eines gesundheitsfördernden naturnahen Lebensstils mit guter Selbstfürsorge, viel Naturkontakt und einem stabilen sozialen Netzwerk.

Welche Naturtherapie-Richtung für wen geeignet ist, hängt übrigens kaum vom Problem des Hilfesuchenden ab, sondern vielmehr von der Übereinstimmung mit seiner Weltanschauung und seinen persönlichen Werten. Wer von der Existenz von Geistwesen überzeugt ist, findet in der schamanisch-esoterischen Richtung die passenden Ansprechpartner. Wer sich zur Philosophie und den humanistischen Therapien hingezogen fühlt, ist bei der existenzialpsychologischen Naturtherapie gut aufgehoben. Schließlich ist einer der wichtigsten Faktoren für eine erfolgreiche Psychotherapie die „Chemie“ zwischen Klientin und Therapeutin. Wenn sie eine vertrauensvolle Beziehung miteinander eingehen können und beide davon überzeugt sind, dass das gewählte Verfahren helfen wird, dann stehen die Chancen sehr gut, dass die Therapie zum Erfolg führen wird.

Verortung in der heutigen Psychotherapie-Landschaft

Natürlich haben die Naturtherapien das Rad nicht neu erfunden. Ähnlich wie andere spezialisierte Therapieformen (z.B. Kunst- oder Tanztherapie) stützen sie sich auf die Theoriegebäude der drei großen Richtungen Tiefenpsychologie, Verhaltenstherapie oder systemische Therapie. Im medizinischen Kontext werden sie daher auch nicht als eigenständige Behandlungsform geführt, sondern gelten als „Ergänzungsverfahren“, ähnlich wie Entspannungsmethoden. Als solches kann eine Naturtherapie in Kliniken zusätzlich zu Psychotherapie und Psychopharmaka bei der Behandlung psychischer Störungen eingesetzt und auch von der gesetzlichen Krankenkasse finanziert werden. Wer dagegen ambulant einen Naturtherapeuten aufsucht, sollte damit rechnen, die Kosten selbst tragen zu müssen.

Psychotherapie wird heute so definiert, dass sie ausschließlich der Behandlung psychischer Krankheiten dient. Andere Lebensprobleme, wie z.B. Schwierigkeiten in Beruf und Partnerschaft, bei der Kindererziehung oder der Bewältigung von Sinn- und Lebenskrisen, gelten dagegen nicht als Krankheit und werden daher auch nicht von den Krankenkassen bezahlt. Hier können die zahlreichen Selbsterfahrungs- und CoachingAngebote helfen, die viele Naturtherapeuten im Programm haben. Auch zur Rehabilitation und Prävention psychischer Störungen sind diese naturtherapeutischen Angebote hervorragend geeignet.

Bei Sonnenaufgang lösen sich einzelne Schatten aus dem Dunkel des Waldes. Sie bewegen sich langsam den Hügel hinunter und folgen dann einzeln oder in kleinen Grüppchen dem Pfad über die taunassen Wiesen bis zu unserem Lager. Als sie endlich vor mir stehen, blicke ich in versonnen lächelnde Gesichter. Etwas müde und schmutzig von der langen Wachnacht, aber mit strahlenden Augen, die schon jetzt von bewegenden Erlebnissen künden. Am Nachmittag werde ich im Gesprächskreis dabei helfen, die neuen Erfahrungen „ins Leben“ zu bringen. Und schon jetzt bin ich glücklich und dankbar eine „Hebamme“ für Mutter Natur sein zu dürfen.

Sandra Knümann


10 gute Gründe für Naturtherapie

  1. Natur entspannt. Wer entspannt ist, hat besseren Zugang zu seinen Kräften und Fähigkeiten. Auch das Immunsystem und die Selbstheilungskräfte arbeiten in entspanntem Zustand besser.

  2. Draußen in der Natur sind wir umgeben von purer Lebendigkeit. Sie zwitschert uns an oder weht uns buchstäblich ins Gesicht. Es ist leicht, sich dem zu öffnen und die eigene Lebendigkeit wieder zu fühlen.

  3. In der Natur hat alles seinen Sinn und jedes Lebewesen seinen Platz. Das eröffnet eine existenzielle Sichtweise auf das eigene Leben. Wer bin ich?, Was ist meine Bestimmung? und Wie will ich leben? sind Fragen, die zwangsläufig auftauchen, wenn wir uns dem bewussten Naturerleben hingeben.

  4. Im Kontakt mit der Natur findet das Ego zurück zu einer angemessenen Größe und erkennt: Homo sapiens ist ein Teil des Lebensnetzes, nicht mehr und nicht weniger. Weder Narzissmus noch Minderwertigkeitsgefühle haben draußen Bestand. Die Verhältnisse kommen wieder ins Lot.

  5. Allein draußen in der Natur gibt es niemanden, auf den wir reagieren oder dem wir etwas beweisen müssten. Festgefahrene, hinderliche Charakterstrukturen laufen somit ins Leere, werden im Therapie-Gespräch erkannt und gelockert.

  6. Wer nach draußen will, muss sich bewegen. Dadurch kommt der Kreislauf in Schwung, die Atmung vertieft sich und auch die Übertragung der Botenstoffe im Gehirn funktioniert besser. Nicht umsonst verordnen Ärzte gegen Depressionen u.a. mehr Bewegung. Wenn sich der Körper bewegt, bewegt sich der ganze Mensch, auch die Gefühle und Gedanken.

  7. Die Natur ist ein Freiraum, der nichts vorgibt, und uns dadurch unzählige Möglichkeiten bietet, uns selbst zu erleben und auszuleben. In der spezifischen Art und Weise wie wir die Natur und uns selbst in der Natur erleben, können wir in der Therapie einen Ausdruck unseres ganz persönlichen Wesens entdecken. Wir lernen uns selbst besser kennen und wertzuschätzen.

  8. Die Natur ist in beständigem Wandel. Sie macht Mut, auch schwierige Lebensphasen durchzustehen und auf den inneren Frühling zu vertrauen. Verlusterfahrungen können in einem größeren Zusammenhang gesehen werden und gewinnen dadurch an Sinn.

  9. Die Naturerfahrung spricht alle Sinne an und berührt Körper, Geist und Seele gleichermaßen. Dadurch können wir neue Erfahrungen besonders leicht verinnerlichen und dauerhaft verankern. Außerdem wirkt diese Ganzheitlichkeit dem Ungleichgewicht unserer technisierten Welt entgegen, wo zunehmend mehr Aspekte des Menschseins vonVerkümmerung bedroht sind.

  10. Der Aufenthalt in der Natur fördert geradezu archetypische, märchenhafte Erfahrungen. Unsere tiefe Zugehörigkeit zur Natur und zum kollektiven menschlichen Schicksal wird dadurch spürbar und wir können neues Vertrauen ins Dasein gewinnen.

Naturtherapie zum Kennenlernen

Am 15.-18.10.2015 bietet die Autorin ein Selbsterfahrungs-Seminar im Westerwald an, bei dem man die existenzialpsychologische Arbeitsweise kennen lernen kann.
Unter dem Titel „Achtsamkeit und Natur erleben“ tauchen die Teilnehmenden einzeln und in der Gruppe tief in die Naturerfahrung ein. In anschließenden Gesprächsrunden haben sie die Möglichkeit, über ihre Erfahrungen zu berichten, ihr eigenes Erleben zu erforschen und zu verstehen. Nähere Informationen: www.crenatur.de 

Naturtherapie intensiv: allein und fastend in der Wildnis

Die „Vision Quest“ oder „Visionssuche“ ist ein indigenes Übergangsritual, das in abgewandelter Form auch in der modernen Naturtherapie Anwendung findet. Es eignet sich besonders für Menschen, die mit einschneidenden Lebensveränderungen konfrontiert sind – seien es schicksalhafte Veränderungen wie Arbeitsplatzverlust und Krankheit oder ganz normale Übergänge zwischen verschiedenen Lebensphasen wie z.B. von der Jugend ins Erwachsenenalter. Das Ritual dauert in der Regel 10 Tage und beinhaltet eine viertägige Fastenzeit, die jeder Teilnehmer allein in der Wildnis verbringt.
DVD-Tipp: „Visionssuche- allein in der Wüste unterwegs zu sich selbst“ von Gesa KochWeser und Nadja Röll. Bestellung über: visionssuche.doku@gmail.com

Über die Autorin:

Sandra Knümann ist existenzialpsychologische Naturtherapeutin, Heilpraktikerin für Psychotherapie und Dipl.-Pädagogin (Erwachsenenbildung). Ihre „Praxis für Achtsamkeit und Naturerleben“ liegt in den waldreichen Hügeln des Bergischen Landes in der Nähe von Köln/Bonn. Infos unter: www.pan-praxis.de

Literaturempfehlungen:

Gebhard, Ulrich: Kind und Natur, VS Verlag für Sozialwissenschaften, 2009 Jung, Carl Gustav: Über die Natur - Das vergessene Wissen der Seele, Walter Verlag 1997

Kreszmeier, Astrid Habiba: Systemische Naturtherapie, Carl Auer Verlag, 2011 Louv, Richard: Das Prinzip Natur, Beltz Verlag, 2012

Zeitschrift „Green Care – Fachzeitschrift für naturgestützte Interaktion“, Hochschule für Agrar- und Umweltpädagogik, Wien (Hrsg.)

Ausbildungen in Naturtherapie:

Schule für existenzialpsychologische Therapie und Naturtherapie Postfach 1620, D-86819 Bad Wörishofen, Telefon: 08247-99 24 790, www.exist-schule.de, info@exist-schule.de

Europäische Akademie für bio-psycho-soziale Gesundheit/ Fritz Perls-Institut Wefelsen 5, D-42499 Hückeswagen, Telefon: 02192-858-416, www.eag-fpi.com, EAG.FPI@t-online.de

nature & healing

Postfach, CH-9063 Stein, Telefon: 0041-71-367 23 77, www.nature-and-healing.ch, info@nature-and-healing.ch

* Name und Geschichte der Person wurden geändert, um ihre Anonymität zu wahren.

Zitate

„Und ich ging in die Wälder, um das Mark des Lebens in mich aufzusaugen, um nicht in meiner Todesstunde inne zu werden, dass ich nie richtig gelebt hätte.“ Henry David Thoreau (amerikanischer Philosoph und Schriftsteller, 1817-1862)

„Es ist ein angenehmes Geschäft, die Natur zugleich und sich selbst zu erforschen, weder ihr noch seinem Geiste Gewalt anzutun, sondern beide durch gelinden Wechseleinfluss miteinander ins Gleichgewicht zu setzen.“ Johann Wolfgang von Goethe (deutscher Dichter, 1749-1832)

„Es sind die gleichen ordnenden Kräfte, die die Natur in allen ihren Formen gebildet haben und die für die Struktur unserer Seele, also auch unseres Denkvermögens verantwortlich sind.“ Werner Heisenberg (deutscher Physiker, 1901-1976)