WISSENSWERTES

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Chronische Entzündungen
Neueste Forschungen und pflanzliche Alternativen zu Medikamenten
Abstraktes Bild mit einer Reihe roter, schwarzer und weißer Strahlen, die von einem dunklen Mittelpunkt nach außen ausgehen und die intensive Energie und scharfe Lebendigkeit von Schwarzer Pfeffer Extrakt in Bewegung hervorrufen.

Chronische Entzündungen mit natürlichen Mitteln vollständig zum Ausheilen bringen? Dass dies möglich ist, zeigen Arbeiten aus der Gruppe um Prof. Dr. Oliver Werz, der seit über 30 Jahren enzymatische Prozesse beforscht, die für das Abklingen und Ausheilen von Entzündungsreaktionen elementar sind. Profitieren sollen vor allem Patienten mit chronisch-entzündlichen Erkrankungen wie rheumatoider Arthritis, Asthma oder Morbus Crohn.

Die bislang bei solchen Entzündungserkrankungen gängigen Medikamente hemmen zwar die Entzündungsreaktion, lösen sie jedoch nicht vollständig auf, sodass sie im Hintergrund weiter schwelt. Antje Maly-Samiralow sprach für NATUR & HEILEN mit Prof. Dr. Werz über die Ergebnisse seiner Forschungen und Behandlungsmöglichkeiten mit pflanzlichen Alternativen.

Zwei Ausgaben des deutschen Gesundheitsmagazins natur & heilen mit Blumenumschlägen; eine zeigt eine rosa Blume in Nahaufnahme, die andere eine rote Blüte mit weißen Streifen. Beide enthalten gesundheitsbezogene Schlagzeilen in deutscher Sprache, unter anderem

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Interview Prof. Dr. Oliver Werz

Prof. Werz, Entzündungen sind in unserer Gesellschaft negativ konnotiert. Dabei sind sie durchaus ein sinnvoller und überlebensfördernder Mechanismus.
Eine Entzündung ist zunächst eine Immun­reaktion auf körperfremde Substanzen oder Krankheitserreger, die möglichst schnell unschädlich gemacht und entsorgt werden sollen, bevor sie den Körper weiter schädigen. Auch eine Verbrennung oder anderweitige Verletzungen gehen mit Entzündungen einher. Dabei gilt es, verletztes Gewebe auszusondern, zu regenerieren und den Ursprungszustand, die sogenannte Homöostase, wiederherzustellen.

Können Sie kurz ausführen, wie eine Entzündungsreaktion konkret abläuft?

Wenn ein schädigender Partikel oder Mikroorganismus, sagen wir ein Bakterium oder ­Virus, in den Körper eindringt, wird er von Zellen des angeborenen Immunsystems als körperfremd erkannt. Daraufhin werden Botenstoffe, und zwar zunächst entzündungsfördernde Mediatoren, ausgeschüttet. Das sind u. a. Zytokine wie die Interleukine, die wiederum Phagozyten – besser bekannt als Fresszellen – aktivieren. Damit diese Fresszellen, darunter neutrophile Granulozyten oder Monozyten, ihren Weg zum Ort des Geschehens finden, wo sie die Eindringlinge ausschalten sollen, werden sie von sogenannten Chemokinen – auch das sind Botenstoffe – angelockt und durch das Gewebe navigiert.

Weitere pro-inflammatorische Botenstoffe sorgen u. a. dafür, dass das betroffene Gewebe so weit aufgelockert wird, dass noch mehr Fresszellen hindurchschwimmen können, um möglichst schnell aktiv werden zu können. Diese Permeabilitätssteigerung bei einer gleichzeitig erhöhten Durchblutung – denn die Fresszellen werden ja mit dem Blutstrom angeliefert – äußert sich in den typischen Entzündungszeichen Rötung und Schwellung.

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Das größte Problem dürften für die meisten Menschen vermutlich die mit der Entzündung einhergehenden Schmerzen sein …

Darauf kommen wir gleich. Denn es gibt noch eine weitere Gruppe von Entzündungsbotenstoffen, die wesentlich kleiner sind als die Zytokine und die viel schneller agieren können. Das sind die sogenannten Lipidmediatoren, die den gesamten Zyklus der Entzündung steuern – angefangen von der Auslösung und Verstärkung bis hin zur Auflösung und anschließenden Regeneration des Gewebes, sodass der ursprüngliche Zustand wiederhergestellt ist.

Sie werden Lipidmediatoren genannt, weil sie aus Fett bestehen?

Entzündungsfördernde Lipidmediatoren (Leukotriene und Prostaglandine) werden aus der Omega-6-Fettsäure Arachidonsäure synthetisiert, und zwar unter Mitwirkung bestimmter Enzyme, auf die wir später noch näher eingehen werden. Leukotriene locken ebenfalls u. a. Phagozyten – also Fresszellen – an und fördern somit die Phagozytose. Das ist jener Prozess, bei dem Eindringlinge wie Mi­kro­organismen (Viren oder Bakterien) angegriffen, zerstört und verdaut – also sprichwörtlich aufgefressen – werden. Das für unsere Betrachtung wichtigste Prostaglandin im Rahmen der akuten Entzündungsphase ist das PGE2. Es fördert nicht nur die Schwellung und Rötung, sondern vermittelt auch Schmerzen – und zwar durch den Angriff an bestimmten Nervenendigungen.

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Gravierende Nebenwirk­ungen entzündungshemmender Medikamente

Und um solche Entzündungsschmerzen abzuschalten, nimmt man Medikamente wie Ibuprofen?

Oder Aspirin oder Diclofenac. All diese Medikamente aus der Gruppe der nichtsteroidalen Antirheumatika (NSAR) blockieren die Cyclo­oxygenase (kurz COX). Das ist jenes Enzym, mit dessen Hilfe die Arachidonsäure in Prostaglandine umgewandelt wird. Durch die ­medikamentöse Enzymblockade wird auch die Bildung von PGE2 unterbunden, und damit kommen die entzündungstypischen Beschwerden wie Schwellung, Rötung, Fieber und Schmerz zum Stillstand. Der Schmerz wird dann buchstäblich abgeschaltet.

Es ist ein beachtenswerter Wirkmechanismus, solange es sich um akute Entzündungen handelt. Wenn Sie vor Zahnschmerzen nicht schlafen können, sind solche Medikamente ein Segen. Zum Problem werden sie allerdings bei chronischen Entzündungen, wie sie beispielsweise bei Autoimmunerkrankungen wie der rheumatoiden Arthritis vorliegen. Im Fall solcher Erkrankungen richtet sich die Entzündungsreaktion nicht gegen körperfremde Eindringlinge, sondern gegen körpereigene Strukturen, z. B. in Gelenken oder im Bindegewebe.

Sie sprechen von Nebenwirkungen, die mit der Einnahme von NSAR einhergehen?

Dass diese Medikamente bei längerfristiger Therapie Nebenwirkungen verursachen, ist bekannt. Sie belasten Leber und Nieren und können Magengeschwüre hervorrufen, was auf lange Sicht diverse Gesundheitsrisiken nach sich zieht. Im Übrigen gilt das teilweise auch für Glukokortikoide wie Cortison, welche oft bei chronisch-entzündlichen Erkrankungen aus dem rheumatischen Formenkreis verordnet werden und zur Unterdrückung des Immunsystems führen. Ein Problem, das weitestgehend unbeachtet bleibt, ist der Umstand, dass sowohl NSAR als auch Kortikoide durch Enzymblockaden einen wesentlichen Teil des natürlichen Entzündungsverlaufs, nämlich die Auflösung und die sich anschließende Regeneration, hemmen!

Inwiefern?

Am Anfang einer Entzündung feuert der Lipidmediator PGE2 die Reaktion an, wirkt also entzündungsfördernd. In der späteren Entzündungsphase wirkt PGE2 hingegen entzündungsauflösend. Und wenn Sie die Bildung von PGE2 blockieren, blockieren Sie auch das Abklingen der Entzündungsreaktion, was dann dazu führen kann, dass sie vor sich hin schwelt und möglicherweise chronifiziert.

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Omega-3-Fettsäuren sind wichtig für die Entzündungsauflösung

Und wie genau fördert PGE2 die Entzündungsauflösung und Regeneration?

Auf vielfache Weise. PGE2 hat ja nicht nur entzündungsfördernde Eigenschaften. Dieser Botenstoff wird in kleinen Mengen kontinuierlich in verschiedenen Zielregionen des Körpers gebildet, wo er schützend wirkt und dafür sorgt, dass wichtige Organfunktionen gewährleistet sind, beispielsweise in den Nieren, im Magen, im Darm oder im zentralen Nervensystem.

Doch lassen Sie uns zunächst einmal die für eine Entzündungsauflösung grundsätzlich notwendigen Botenstoffe genauer anschauen: Für die Einleitung und Befeuerung der Entzündung sind die Lipidmediatoren Leukotriene und Prostaglandine zuständig, die aus der Omega-6-Fettsäure Arachidonsäure gebildet werden. Das hatten wir schon. Für die Auflösung der Entzündung brauchen wir andere Lipidmediatoren, und zwar die Specialized Proresolving Mediators, kurz SPM. Und die werden vor allem aus den Omega-3-Fettsäuren Eicosapentaensäure (EPA) und Docosahexaensäure (DHA) synthetisiert, die reichlich in fetten Kaltwasserfischen wie Hering oder Lachs oder auch in Algen vorkommen.

… von denen ein Großteil der Bevölkerung viel zu wenig verzehrt. Erklärt dieser Mangel die Zunahme chronisch-entzündlicher Erkrankungen?

Unter anderem. Natürlich spielt aber auch eine Überversorgung mit Omega-6-Fettsäuren aufgrund unserer zunehmend denaturierten Nahrungsmittel eine Rolle, was letztlich dazu führt, dass wir zu viele entzündungsfördernde Fette aufnehmen und – wie Sie richtig anmerken – zu wenig entzündungsauflösende Omega-3-Fettsäuren. Und für die Entzündungsauflösung sind nun mal EPA und DHA als Ausgangssubstanzen wichtig, um das herbeizuführen, was wir einen Lipidmediator-Klassenwechsel nennen. So nennen wir den Wechsel von den pro-inflammatorischen ­Lipidmediatoren, den Leukotrienen und Prostaglandinen, hin zu den entzündungsauflösenden und regenerationsfördernden Lipidmediatoren, den SPM. Bei einem normalen Entzündungsverlauf wird nach der Akutphase die Entzündung gestoppt und aufgelöst.

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Ein Teufelskreis entzündlicher Chronifizierung

Sie sagen „bei einem normalen Entzündungsverlauf“ …

Ja, bei chronisch-entzündlichen Erkrankungen dagegen kommt die Entzündung nicht zum Erliegen, sondern sie wird aufrechterhalten – je nach Krankheitsverlauf konstant oder in Schüben. Und wenn Sie die PGE2-Synthetisierung medikamentös entweder durch Ibuprofen oder Aspirin oder aber durch Cortison komplett unterbinden, dann verhindern Sie zum Teil ebenfalls die Bildung von entzündungsauflösenden SMP. Ein Problem der Dauerbehandlung chronisch verlaufender Entzündungen mit solchen Medikamenten ist, dass sie über verschiedene Stellschrauben die Entzündungsauflösung und die Regeneration geschädigter Gewebe verhindern.

Erklärt das auch, warum Entzündungssymptome wiederaufflammen, sobald man diese Medikamente absetzt?

Möglicherweise, denn die Entzündung ist ja nach wie vor im Gange und kocht unter solchen Medikamenten auf kleiner Flamme weiter. Diese Medikamente behindern die Bildung von entzündungsauflösenden SPM. Das ist ein regelrechter Teufelskreis. Und das trägt natürlich auch zum schlechten Ruf von Entzündungen bei, weil sie nicht zum Stillstand kommen und die Betroffenen zum Teil massiv belasten. Da sind ja nicht nur die Schmerzen, die zum Problem werden. Menschen mit chronisch-entzündlichen Darm­erkrankungen wissen ja zum Teil gar nicht mehr, was sie essen sollen. Und wenn sie dauernd Durchfall haben, dann beeinträchtigt sie das schon erheblich.

Nur noch mal fürs Verständnis: Medikamente wie Ibuprofen und andere NSAR halten die Entzündungsreaktion aufrecht und verhindern deren Auflösung?

Sie dämpfen die Entzündung schon auch, aber sie halten sie auch am Köcheln. Und mit der Zeit besteht natürlich auch ein gewisses Risiko, dass Sie die Dosis an NSAR, aber auch an Cortison erhöhen oder andere immunsupprimierende Medikamente hinzunehmen müssen, weil die Wirkung nachlässt. Der Körper adaptiert ja peu à peu und findet neue Stra­tegien, um die unterdrückten immunologischen Prozesse in Gang zu setzen. Natürlich gibt es eine ganze Reihe weiterer Ursachen dafür, dass Entzündungen chronifizieren. Aber diese Medikamente tragen in jedem Fall dazu bei, wenn sie dauerhaft eingenommen werden.

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Umprogrammierung der entzündungsfördernden Prozesse

Chronische Entzündungen haben ja mittlerweile den Status von Volkserkrankungen.

Deshalb haben wir nach einem Ansatz gesucht, aktiv in das Entzündungsgeschehen einzugreifen und die – aus welchen Gründen auch immer – nicht funktionierende Ent­zündungsauflösung herbeizuführen. Und da kommen die enzymatischen Prozesse ins Spiel, die aus Fettsäuren Lipidmediatoren synthetisieren – entweder entzündungsfördernde oder eben entzündungsauflösende. Da wollen wir also gezielt eingreifen und diese Prozesse so umprogrammieren, dass genau die Mediatoren gebildet werden, die wir im Interesse der betroffenen Patienten brauchen.

Welche enzymatischen Prozesse sind das?

Die Cyclooxygenase (COX) hatte ich ja bereits erwähnt, ich möchte den Mechanismus dieses Enzyms aber noch etwas tiefer ausführen. Unter Einwirkung der COX wird aus Arachidonsäure eine Prostaglandinvorstufe gebildet. Und aus dieser Vorstufe werden durch verschiedene Enzyme viele verschiedene Prostaglandine synthetisiert. Das PGE2, auf das wir es abgesehen haben, ist genau jenes, das am stärksten pro-inflammatorisch wirkt, vor allem in hoher Konzentration. Wir versuchen nun, lediglich die massive und überschießende PGE2-Bildung zu hemmen. Dadurch bleiben niedrige, physiologisch wichtige PGE2-Spiegel erhalten, und andere „nützliche“ Prostaglandine werden ebenfalls weitergebildet.

Machen das nicht auch die NSAR?

Nein, diese Medikamente blockieren die COX und unterbinden damit komplett die Synthese aller Prostaglandine, also auch die „nützlichen“, die wir für die Entzündungsauflösung brauchen, und das gesamte PGE2. Das ist ein wichtiger Unterschied. Wir hingegen hemmen lediglich ein Enzym, unter dessen Mitwirkung das entzündungsfördernde Prosta­glandin PGE2 entsteht. Dadurch minimieren wir einerseits Symptome wie Schmerzen, Schwellung etc., sorgen andererseits aber auch dafür, dass die Entzündung trotzdem nicht weiter befeuert wird.

Die weiteren Schrauben, an denen wir drehen, sind Lipoxygenasen (kurz LOX). Auch das sind Enzyme unterschiedlicher Klassen. Ein spezielles Enzym synthetisiert aus Arachidonsäure entzündungsfördernde Leukotriene, aber – und das nutzen wir – auch entzündungsauflösende SPM. Und jetzt wird es in­teressant: Wir manipulieren dieses Enzym so, dass die Produktion von Leukotrienen ­gehemmt, aber die Produktion von entzündungsauflösenden SPM gefördert wird.

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Umprogrammierung der entzündungsfördernden Prozesse

Chronische Entzündungen haben ja mittlerweile den Status von Volkserkrankungen.

Deshalb haben wir nach einem Ansatz gesucht, aktiv in das Entzündungsgeschehen einzugreifen und die – aus welchen Gründen auch immer – nicht funktionierende Ent­zündungsauflösung herbeizuführen. Und da kommen die enzymatischen Prozesse ins Spiel, die aus Fettsäuren Lipidmediatoren synthetisieren – entweder entzündungsfördernde oder eben entzündungsauflösende. Da wollen wir also gezielt eingreifen und diese Prozesse so umprogrammieren, dass genau die Mediatoren gebildet werden, die wir im Interesse der betroffenen Patienten brauchen.

Welche enzymatischen Prozesse sind das?

Die Cyclooxygenase (COX) hatte ich ja bereits erwähnt, ich möchte den Mechanismus dieses Enzyms aber noch etwas tiefer ausführen. Unter Einwirkung der COX wird aus Arachidonsäure eine Prostaglandinvorstufe gebildet. Und aus dieser Vorstufe werden durch verschiedene Enzyme viele verschiedene Prostaglandine synthetisiert. Das PGE2, auf das wir es abgesehen haben, ist genau jenes, das am stärksten pro-inflammatorisch wirkt, vor allem in hoher Konzentration. Wir versuchen nun, lediglich die massive und überschießende PGE2-Bildung zu hemmen. Dadurch bleiben niedrige, physiologisch wichtige PGE2-Spiegel erhalten, und andere „nützliche“ Prostaglandine werden ebenfalls weitergebildet.

Machen das nicht auch die NSAR?

Nein, diese Medikamente blockieren die COX und unterbinden damit komplett die Synthese aller Prostaglandine, also auch die „nützlichen“, die wir für die Entzündungsauflösung brauchen, und das gesamte PGE2. Das ist ein wichtiger Unterschied. Wir hingegen hemmen lediglich ein Enzym, unter dessen Mitwirkung das entzündungsfördernde Prosta­glandin PGE2 entsteht. Dadurch minimieren wir einerseits Symptome wie Schmerzen, Schwellung etc., sorgen andererseits aber auch dafür, dass die Entzündung trotzdem nicht weiter befeuert wird.

Die weiteren Schrauben, an denen wir drehen, sind Lipoxygenasen (kurz LOX). Auch das sind Enzyme unterschiedlicher Klassen. Ein spezielles Enzym synthetisiert aus Arachidonsäure entzündungsfördernde Leukotriene, aber – und das nutzen wir – auch entzündungsauflösende SPM. Und jetzt wird es in­teressant: Wir manipulieren dieses Enzym so, dass die Produktion von Leukotrienen ­gehemmt, aber die Produktion von entzündungsauflösenden SPM gefördert wird.

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Einsatz von Weihrauch gegen Entzündungen

Und auf welche Weise greifen Sie in diese Vorgänge ein?

Mit Weihrauch. Genauer gesagt mit Inhaltsstoffen des Weihrauchharzes bzw. einem Weihrauchharzextrakt, der u. a. von einem Apotheker aus Bisingen, Johannes Ertelt, hergestellt wird. Herr Ertelt beschäftigt sich seit vielen Jahren damit, wie Weihrauch für Patienten mit chronischen Entzündungen genutzt werden kann, und versorgt sie mit entsprechenden Präparaten. Deutschland hat ja in Sachen Weihrauchforschung eine Pionierfunk­tion inne.

Prof. Dr. Hermann P. T. Ammon von der Universität Tübingen, bei dem ich, aber auch Herr Ertelt Pharmazie studiert haben, war da federführend. Aus dieser Forschungs­tradition wissen wir schon länger, dass die Boswelliasäuren des Weihrauchharzes entzündungshemmende und entzündungsregulierende Eigenschaften haben, und die machen wir uns zunutze.*

Wie genau?

Die Boswelliasäure kann an bestimmten Schlüsselstellen andocken und den enzymatischen Vorgang dahingehend verändern, dass weniger entzündungsfördernde Leukotriene und dafür mehr entzündungsauflösende SPM synthetisiert werden. Wir können also mithilfe dieses natürlichen Harzes den Entzündungsprozess so beeinflussen, dass überschießende oder chronische Entzündungsreaktionen eingedämmt werden und die Entzündung proaktiv aufgelöst wird, sodass mit der Reparatur von geschädigtem Gewebe begonnen werden kann.

Sie nutzen also zwei Naturheilmittel: ­Omega-3-Fettsäuren und Weihrauch?

Richtig: Die Omega-3-Fettsäuren EPA und DHA sind die Ausgangssubstanzen, aus denen in unseren Immunzellen mithilfe besagter Boswelliasäuren entzündungsauflösende Botenstoffe, die SPM, gebildet werden.

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Entzündungsregulierende Wirkung der Wilfords Dreiflügelfrucht

Sind darüber hinaus weitere Substanzen mit einer ähnlichen entzündungsregulierenden Wirkung bekannt?

Es gibt in der Tat Pflanzen, die ähnlich manipulativ in die enzymatischen Prozesse der Lipidmediator-Bereitstellung eingreifen. Gute Daten gibt es beispielsweise für die aus Asien stammende Wilfords Dreiflügelfrucht (Tripterygium wilfordii), von der man ebenfalls schon länger weiß, dass Extrakte der Wurzel entzündungshemmende Eigenschaften haben.

Auch das unter Sportlern beliebte Medikament Traumeel, das weitestgehend auf pflanzlichen Wirkstoffen wie Calendula, Beinwell und Hamamelis beruht, verbessert das Verhältnis von einerseits entzündungsfördernden Botenstoffen und andererseits auflösenden und regenerierenden Lipidmediatoren und hilft so, verletzungsbedingte Entzündungen schnell auszuheilen. Gerade für Spitzensportler sind solche natürlichen Heilmittel ein Segen – zum einen, weil sie faktisch keine Nebenwirkungen haben, aber auch, weil sie garantiert nicht im Verdacht stehen, leistungssteigernde Dopingsubstanzen zu beinhalten.

Sind die von Ihnen entwickelten Manipulationsmechanismen mittels Weihrauchs bereits in Medikamente eingeflossen?

Ja, wobei es sich nicht um ein Medikament im klassischen Sinne, sondern um ein komplexes Nahrungsergänzungsmittel handelt. Und nein, es ist noch nicht am Markt erhältlich. Das kann noch ein bis zwei Jahre dauern.

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Supplementierung mit EPA und DHA sinnvoll

Menschen mit chronischen Entzündungen unterliegen einem gewissen Leidensdruck und sind verständlicherweise ungeduldig. Wäre eine Supplementierung mit EPA und DHA aus Fisch- oder Algenöl eine Option, um schon jetzt entzündungsregulierend eingreifen zu können?

Omega-3-Fettsäuren entweder direkt in Form von Kaltwasserfischen (Hering, Lachs oder Makrele) verzehrt oder über Ölsupplemente aufgenommen sind sicher ein guter Kompromiss, weil EPA und DHA über verschiedene Mechanismen entzündungsregulierend wirken. Aber in den von uns beschriebenen Prozessen sind sie lediglich die Ausgangssubstanzen für die Bildung von SPM, die zur Entzündungsauflösung führen. Hier kommen dann die Boswelliasäuren als Produktionsbeschleuniger zum Zuge. Nachdem viele Menschen heute eine Unterversorgung mit Omega-3-Fettsäuren aufweisen, bei einer gleichzeitigen Zunahme von chronisch-entzündlichen Erkrankungen, ist eine verbesserte Omega-3-Zufuhr sicher empfehlenswert.

Wäre im Umkehrschluss nicht auch eine deutliche Reduzierung von Omega-6-Fettsäuren zu empfehlen, um Entzündungen einzudämmen?

Wir sehen tatsächlich zu viel Omega-6 in der Nahrung. Fleisch, Eier und Milchprodukte aus intensiver Tierhaltung sind problematisch, weil die Tiere mit Omega-6-reichen Getreiden wie Soja oder Mais gefüttert werden. Auch die Verwendung von Sonnenblumenöl in vielen Fertigprodukten treibt den Omega-6-Fettsäurespiegel nach oben, was letztlich das Entzündungsgeschehen unterstützt. Die Ernährungsgewohnheiten in den westlichen Industrieländern haben mit Sicherheit einen großen Anteil an der Zunahme chronischer Entzündungen. Abgesehen davon sind immer mehr Menschen mangelernährt in Bezug auf Vitamine, Mineralien, Spurenelemente und sekundäre Pflanzenstoffe, von denen einige ebenfalls eine entzündungshemmende Wirkung haben. Aber bei der Ernährung kann ja jeder selbst ansetzen.

Prof. Werz, herzlichen Dank für das Gespräch!
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Antje Maly-Samiralow

* Siehe auch NATUR & HEILEN 12/2015 „Weihrauch – eine göttliche Gabe“

Prof. Dr. Oliver Werz ist Apotheker und hat im Fach Pharmazeutische Chemie promoviert. Seit 2010 leitet er an der Friedrich-Schiller-Universität in Jena den Lehrstuhl für Pharmazeutische/Medizinische Chemie. Er ist aktuell Teilprojektleiter in drei Sonderforschungsbereichen der Deutschen Forschungsgemeinschaft DFG und in zwei Forschungsgruppen und hat bis heute ca. 400 internationale Publikationen veröffentlicht

Über die Autorin
Antje Maly-Samiralow ist Journalistin mit Schwerpunkt auf Medizin- und Gesundheitsthemen, Autorin und Moderatorin.

Bezug von medizinischem Weihrauch
• Heidelberg-Apotheke: spezialisiert u. a. auf Phytotherapie mit Weihrauch. Tel. 07476 / 94 65 59 46, hb@ertelt.de, www.ertelt.de

• Weihrauch-Apotheke.de: Online-Beratungsapotheke zum Thema Weihrauch sowie Angebot von Weih­rauch­extrakt-Kapseln zu Therapiezwecken. Tel. 07476 / 94 65 59 16, team@weihrauch-apotheke.de, www.weihrauch-apotheke.de

• AureliaSan GmbH: von Apothekern gegründetes, forschendes Unternehmen, das sich mit Pflanzenextrakten und hierbei speziell Weihrauch beschäftigt. Tel. 07476 / 91 45 500, info@aureliasan.de,www.aureliasan.de

Weiterführende Infos
Boswellia.org: Website von Prof. Hermann P. T. Ammon, die einen Überblick über neueste Studien liefert. www.boswellia.org/blog

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