Allein gebliebener Zwilling

Bei meiner Tochter wurde anfangs eine Zwillingsschwangerschaft festgestellt. Geboren wurde aber nur ein Kind, was geschah mit dem anderen?

M. O., Rostock

Antwort:

Früher wurde das Verschwinden eines Zwillings im Mutterleib nur selten erkannt, weil dessen Gewebe meist vom Körper der Mutter resorbiert wird. Wie häufig das Absterben eines Zwillings vorkommt, ist auch heute noch nicht bekannt – vor allem, weil dies meist in den ersten Schwangerschaftswochen passiert, in denen die Mutter nichts davon bemerkt. Durch die technisch besseren Ultraschallgeräte wird diese frühe Zwillingsschwangerschaft inzwischen aber weit häufiger sichtbar.

Die Folgen für den überlebenden Zwilling können von gering bis einschneidend für das gesamte Leben sein. Die Erfahrung, die ersten Wochen oder Monate seiner Existenz von einem Geschwisterkind begleitet worden zu sein und schließlich allein zur Welt zu kommen, wird im Unterbewusstsein abgespeichert. Sie kann sich durch das Grundgefühl der Einsamkeit und des immer wiederkehrenden Trennungsschmerzes in bestimmten Situationen äußern – teils begleitet von Hilflosigkeit und Schuldgefühlen, allein überlebt zu haben. Manche fühlen sich nur als halber Mensch und stehen nicht auf zwei Beinen im Leben. Besonders stark kann die Sehnsucht nach Symbiose sein – also nach enger Verbindung mit einer nahestehenden Person, die sich dadurch vielleicht überfordert fühlt. Oder es fällt einem allein gebliebenen Zwilling schwer, sich auf einen Partner einzulassen, aus der tiefen Angst heraus, eine erneute Trennung von einem geliebten Menschen zu erleiden. Im Arbeitsleben kann diese vorgeburtliche Erfahrung dazu führen, für zwei arbeiten zu müssen und sich keinen Erfolg zu gönnen oder immer wieder etwas Neues anzufangen.

Die Kenntnis eines solchen vorgeburtlichen Traumas ist in der psychotherapeutischen Behandlung, in der EMDR-Traumatherapie (www.emdria.de) oder auch für die homöopathische Mittelfindung ein wertvoller Hinweis bei der Lösung seelischer Leiden. Es ist sicherlich hilfreich, wenn Hebammen oder Ärzte der Mutter mitteilen, dass eine Zwillingsschwangerschaft angelegt war, damit das geborene Kind später mit eventuellen Verlustängsten besser umgehen kann.

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