Altbewährte Blutegeltherapie bei vielen Beschwerden

Mein Arzt will mir gegen meine Krampfadern Blutegel verordnen. Ist diese Methode nicht längst überholt und wie wird sie durchgeführt?                                                                                                              

Antwort

Eigentlich ist die Blutegeltherapie die älteste medizinische Entwicklung überhaupt. Bei fast allen Naturvölkern aller Erdteile waren die Blutegel fester Bestandteil der Heilkunst. In Deutschland wurde die Blutegeltherapie erst im 16. Jahrhundert bekannt.  Gewaltige Ausmaße nahm die Blutegeltherapie dann mit Beginn des 19. Jahrhunderts an.

Im Jahre 1986 erlangten die Blutegel ihren Ruhm wieder, als einem kleinen Jungen von seinem Hund ein Ohr abgebissen wurde. Die chirurgische Reimplantation des Ohres schien erst erfolgreich zu sein, doch nach zwei Tagen färbte sich die Naht und das umliegende Gewebe dunkel und drohte abzusterben. Die Chirurgen gaben nun den Blutegeln ihre Chance – und sie hatten Erfolg. Nach wenigen Tagen wuchs das Ohr komplikationslos wieder an. Seitdem nimmt das Interesse an der Blutegeltherapie immer mehr zu.

Der medizinische Blutegel (Hirudo medicinalis) zählt zu den Ringelwürmern und ist der nächste noch lebende Verwandte des Regenwurms. Seine äußere Form ist sehr wandlungsfähig – je nach Muskeldehnung kann der Egel lang und dünn oder eher kurz sein. An beiden Enden des Egels befindet sich ein Saugnapf. Am Kopf sind im Bereich des Saugnapfes die Zähne lokalisiert, der Saugnapf am anderen Ende dient dem Egel zum Festhalten.

Der Körper ist durch zahlreiche Ringe (die so genannten Annuli) ziehharmonikaartig unterteilt. Sie ermöglichen dem Blutegel ein Vielfaches seines eigenen Volumens an Blut aufzunehmen (etwa das Zehnfache seines Körpergewichtes). Für die Blutegeltherapie von besonderer Bedeutung ist die Kopfregion. Denn hier befinden sich die Beißwerkzeuge und die Drüsenzellen, die den wichtigen Speichel (Saliva) produzieren.

 Der Speichel des Egels enthält 15 zur Zeit bekannte Substanzen. Dazu zählen:

  • Hirudin: die stärkste blutgerinnungshemmende Substanz (hemmt die Umwandlung von Prothrombin zu Thrombin);

  • Calin: ebenfalls blutgerinnungshemmend (hemmt die kollagenvermittelte Thrombozytenaggregation);

  • Eglin: entzündungshemmend, blutgerinnungshemmend;

  • Bdellin: entzündungshemmend;

  • Hyaluronidase, der so genannte „Spreading Factor“, verschafft den anderen Substanzen des Speichels Platz im Gewebe und verstärkt den Blutstrom im Sauggebiet;

  • eine histaminähnliche Substanz, die die Gefäße im Sauggebiet erweitert.

Die Blutegelbehandlung braucht viel Zeit. Die Patienten liegen bequem, während die fleißigen Egel ihre Arbeit tun. Nachdem der Therapeut die Bissstellen lokalisiert hat, setzt er die Blutegel an. Je nach Situation kann es mehrere Minuten dauern, bis der Egel beißt. Hat er gebissen, fängt er sogleich an Blut zu saugen (etwa 5 - 10 Milliliter je Egel). Der Saugakt dauert zwischen 20 Minuten und 2 Stunden. Ist der Egel fertig, lässt er sich von alleine abfallen und wird zur Blutegelzucht zurück geschickt. Die Bissstelle blutet etwa 12 - 24 Stunden nach, der gesamte Blutverlust pro Blutegel liegt bei 30-50 Millilitern. Die Bissstellen werden mit einem dicken, sterilen Verband versorgt und nach einem Tag gewechselt. Pro Behandlung werden zwei bis sechs Blutegel verwendet. Jeder Blutegel darf nur einmal verwendet werden.

Nach einer solchen Behandlung sollte man sich 1 - 2 Tage Ruhe gönnen (z. B. muss bei einer Kniebehandlung das Bein 1 - 2 Tage hochgelagert werden), nur leicht verdauliche Dinge essen und viel Trinken. Am 2. bis  4. Tag nach der Behandlung tritt bei etwa 70 % der Behandlungen ein starker Juckreiz auf. Kratzen darf man hier aber nicht – dadurch könnte sich die Bissstelle entzünden. Ihr Therapeut wird Ihnen hier hilfreiche Tipps geben. Als weitere Reaktionen können Schwellungen, starke Rötungen, Abgeschlagenheit, Blutdruckabfall, Kopfschmerzen, leichte Temperaturerhöhungen und leichte Narbenbildung der 2 - 4 mm großen Bissstelle auftreten.

Als Einsatzgebiete der Blutegel haben sich vor allem bewährt: Arthrosen, besonders die Kniegelenksarthrose, Krampfaderleiden (hier kommt es aber nicht zu einer optischen Besserung, sondern nur zur Besserung der Beschwerden), Tinnitus, Rheuma, Karpaltunnelsyndrom, Gürtelrose,  verspannungsbedingte Kopfschmerzen und Migräne.

Aber es gibt auch Situationen, in denen Blutegel auf keinen Fall eingesetzt werden dürfen: bei Störungen der Blutgerinnungen, bei „Blutern“ oder bei Einnahme von Medikamenten zur Hemmung der Blutgerinnung, bei schweren Lebererkrankungen, starker Abmagerung und extremer Schwäche, Blutarmut (Anämie), Wundheilungsstörungen (z. B. beim Diabetes mellitus), starker Immunschwäche, ausgeprägten Allergien und während der Schwangerschaft.

Durchgeführt wird eine Blutegelbehandlung überwiegend durch den Heilpraktiker, aber auch durch Ärzte und Tierärzte. Eine Selbstbehandlung darf auf keinen Fall erfolgen. Die Kosten pro Behandlung liegen in der Regel zwischen 50 und 150 Euro. (Weitere Informationen: ZAUG GmbH, Dr. Manfred Roth, Talweg 31, 35444 Biebertal, Tel. 06409/6614 0-0, Egel-Faxline: 06409/6614 0-75, Internet: www.blutegel.de).

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