Der emotionale Rucksack
Wie Entwicklungstrauma das spätere Leben prägt
Der Begriff „Trauma“ ist heute allgegenwärtig. Er wird in den vergangenen Jahren nahezu inflationär gebraucht – und doch bleibt oft unklar, was damit genau gemeint ist. Man denkt dabei an ein einzelnes, überwältigendes Ereignis wie Krieg, einen schweren Unfall, das Überleben einer Naturkatastrophe, sexuelle Gewalt oder den Tod eines geliebten Menschen. Doch nicht nur dramatische Erlebnisse prägen ein Kind für sein Leben. Manchmal hinterlassen gerade Dinge die tiefsten Spuren, die nie passiert sind: der Trost, der ausblieb, die Umarmung, die nicht stattgefunden hat, das fehlende Verständnis für die Bedürfnisse und die Signale des Kindes oder die Sicherheit, die sich nie einstellen konnte. Fehlt eine gute, gesicherte Bindung während der ersten ein bis drei Lebensjahre, kann sich unbemerkt ein Entwicklungstrauma bilden, das Menschen ein Leben lang begleitet. Die gute Nachricht ist: Es gibt mittlerweile sehr wirksame Therapien, die die erstarrte Lebensenergie bei Trauma wieder in den Fluss bringen und nachhaltige Heilung bewirken können.
Einer der einflussreichsten Traumaforscher der letzten Jahrzehnte, der Niederländer Bessel van der Kolk, arbeitete als Professor für Psychiatrie an der Medizinischen Fakultät der Universität in Boston mit Kriegsveteranen und dem Schwerpunkt Posttraumatische Belastungsstörungen (PTBS), als er vor rund 25 Jahren feststellte, dass für manche seiner Patienten weder eine psychiatrische Diagnose noch die Kriterien einer PTBS passten. Damit deckte er eine Diagnoselücke[…]




